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| Zeit im Magazin | Warten
auf Montag
"Im Knast ist eine Uhr genauso wichtig wie draußen.“ von Alexander Olschewski
"Ich sehe ins Dunkel,
ich sehe schwarz.“
Tatzeit Die Geschichte seines Glückes ist seltsamerweise auch die Geschichte seiner Haftstrafe, die ihren Ursprung in den anonymen Treppenhäusern verschiedener Plattenbauten des Märkischen Viertels hat. In fünffacher Folge vergeht sich Matthias D. sexuell an minderjährigen Mädchen. "Ich kann mir nicht erklären, warum es passiert ist. Ich habe früher immer gesagt: Wenn ich selbst mal Kinder habe, und jemand ihnen so etwas antut, dann bringe ich ihn eigenhändig um.“ Der Tonfall seines lapidaren Selbsturteils ist eigenartig sachlich und distanziert. Wartezeit Die Zeit bis zum Prozess
verbringt der damals 25jährige in der Untersuchungshaftanstalt Moabit.
"Kein Mörder bekommt im Knast so viel Verachtung entgegengebracht,
wie ein Sexualstraftäter.“ Von den Mitinhaftierten permanent bedroht,
fühlt sich Matthias D. in die Nähe des Suizids getrieben. "Da
ich eigentlich ein lebensfroher Mensch bin, habe ich es irgendwie überstanden.
Es war die schlimmste Zeit meiner gesamten Haftstrafe.“
Eingewöhnungszeit Die Justizvollzugsanstalt Tegel ist mit über 1.600 Inhaftierten das grösste Männergefängnis Deutschlands. Im Mai `91 wird Matthias D. einer von Ihnen. Auch in seiner neuen Umgebung wird er von seinen Mitinsassen angefeindet. Die Briefe an seine Eltern mit der Bitte um Verzeihung bleiben unbeantwortet. Er zieht sich innerlich zurück . Obwohl durch die Antipathie der anderen Häftlinge allgegenwärtig, findet sich die Tat in seinen Gedanken nicht wieder. Therapieanstrengungen von Seiten der Haftanstalt: Fehlanzeige. Zeit des Aufbruchs "Irgendwann habe ich angefangen mich zu wehren.“ Erst als Matthias D. auf die fortwährenden Angriffe seiner Mitgefangenen mit eigener Gewalt reagiert, ist der erste Schritt zur Akzeptanz getan. "Heute habe ich zu den Anderen eigentlich ein gutes Verhältnis.“ Da er in der Gefängnisbäckerei seinen erlernten Beruf ausüben kann und in seiner "Knastfreizeit“ einen Englischkurs und eine Gruppe von Langzeithäftlingen besucht, gelingt es ihm mehr und mehr, sich in seine "neue Welt“ zu integrieren. Matthias D. erkennt die Mauern des Gefängnisses als unabänderbare Gegebenheit an, und beginnt sein Dasein wieder als lebenswert zu empfinden. Fatale Zeit 1996. Dieses Jahr
wird sich in fataler Weise im Gedächtnis von Matthias D. festschreiben.
Erstmalig darf er die Haftanstalt für zwölf Stunden verlassen.
Ohne Begleitung, in völliger Eigenverantwortung. Ein Verhängnis.
Der Besuch bei seinen Eltern - ausgerechnet am Muttertag - endet an der
Türschwelle. "Du kommst hier nie mehr rein.“ Es sind die letzten Worte,
die ihm sein Vater bis heute entgegnet hat.
Reifezeit Nach Wochen der Verzweiflung gelingt es Matthias D., seinen Lebenswillen wiederzufinden. "Ich habe endlich aufgehört alles in mich hineinzufressen, konnte anfangen über meine Straftaten zu sprechen.“ Dennoch schlagen seine Versuche, in der Sozialtherapheutischen Abteilung aufgenommen zu werden, weiterhin fehl. Man hält ihn noch immer nicht "reif“ für eine Therapie. Seine Stütze ist die Arbeit und das Bemühen, die Zeit, in der er sich selbst überlassen ist, konstruktiv auszufüllen. Seinen Tagesablauf schildert er mit beinahe liebevoller Akribie. Tageszeit "Ich freue mich eigentlich jeden Tag auf die Arbeit, denn dabei vergeht die Zeit am schnellsten. An das frühe Aufstehen um 4Uhr30 habe ich mich inzwischen gewöhnt.“ Das Selbstverständnis, mit dem er seinen minutiösen Stundenplan vorträgt, offenbart seine Bereitschaft, in vorgeschriebenen Strukturen Orientierung zu finden. "Meine Armbanduhr habe ich für 1.200 Mark einem Mitinsassen abgekauft - gespart von meinen rund 400Mark, die ich im Monat für meine Arbeit bekomme. Im Knast ist eine Uhr genauso wichtig, wie draußen.“ Das Wochenende ist für Matthias D. eigentlich nur das Warten auf den Arbeitsbeginn am Montag. Freizeit Außer während der Zählung und in der Nacht sind die Zellen nicht verschlossen. Die Häftlinge dürfen sich gegenseitig besuchen, um Gespräche zu führen, Karten oder Schach zu spielen. In der Theatergruppe hat Matthias D. bereits zum fünften Mal mitgewirkt. Der zweitwichtigste Termin in der Woche ist für ihn der Besuch seiner Vollzugshelferin, Frau Helga Engel, die ihm in gefängnisinternen Angelegenheiten, für Besorgungen "draußen“, vor allem aber als Mensch zur Seite steht. "Sie ist wie eine Ersatzmutter für mich.“ Das wichtigste Ereignis für Matthias D. ist jedoch das tägliche Schreiben eines Briefes an seine Verlobte, die für ihn gleichbedeutend ist mit dem Sinn seines derzeitigen Lebens. Zeit der Liebe Als ehrenamtliche
Mitarbeiterin der humanistischen Union bemüht sich Helga Engel um
Briefkontakte von "drinnen nach draußen“, aber auch zwischen Gefangenen
verschiedener Haftanstalten. So haben sich auch Matthias D. und seine Verlobte
kennengelernt. Sigrid H. ist wegen schweren Raubes und versuchten Totschlags
bis 2006 in der JVA Lichtenberg in Haft. Einmal im Monat ist es den Beiden
gestattet, sich im Rahmen eines offiziellen Besuchstermins, unter Aufsicht,
zu sehen. Matthias D. beklagt nicht die Einschränkungen, sondern ist
dankbar, die "Frau für’s Leben“ gefunden zu haben. Vor wenigen Monaten
haben sie sich im Besucherraum der JVA Tegel verlobt. "Ich hoffe, daß
wir für die Hochzeit im Sommer nächsten Jahres Ausgang bekommen.“
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| Drei
Sekunden vor der Zukunft
Der Eigensinn der Leistungskurve |
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