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Zeit im Magazin Der Eigensinn unserer Leistungskurve
Von dem Diktat biologischer Rhythmen und der inneren Uhr

von Armin Emrich
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Der Mensch ist nicht immer gleich gut drauf. Während eines Arbeitstages gibt es oft kleinere Hochs und Tiefs ohne erkennbare äußere Ursache. So mancher hat sich bisweilen gefragt: Warum bin ich jetzt schon wieder müde, obwohl ich an einem spannendem Thema sitze und gestern eigentlich früh genug im Bett war?

Eine Antwort auf solche Fragen versucht die noch junge Wissenschaft der Chronobiologie zu geben. Seit den 60er Jahren beschäftigen sich Forscher mit den Vorgängen rund um unsere innere Uhr. Amerikanische Wissenschaftler haben bei Säugetieren ein sogenanntes Clock-Gen entdeckt, das als molekulare Zeitmaschine wirkt. Beim Menschen ist dieses innere Uhrwerk vorwiegend im Hypothalamus angesiedelt, einem Teil des Zwischenhirns, der unbewusste Körperfunktionen wie Körpertemperatur und Hormonhaushalt regelt. Im Hypothalamus befinden sich genau dort, wo sich die Sehnerven beider Augen kreuzen, kleine Körperchen, die sogenannten suprachiasmatischen Nuklei.

Die Nuklei sind die eigentlichen Träger des Clock-Gens. Aufgrund ihrer Lage können sie äußere Einflüsse, wie beispielsweise Lichtreize, in den inneren Takt des Menschen mit einarbeiten. Abgestimmt auf solche äußeren Taktgeber, tickt die innere Uhr dann mit einem stabilen Rhythmus, der sich mehr oder weniger gleichmäßig im 24-Stunden-Takt wiederholt. In diesem entstandenen Cyclus sorgen -zentralgesteuert vom Clock-Gen - verschiedene Hormone dafür, dass körperliche und geistige Aktivitäten zu bestimmten gleichbleibenden Tageszeiten immer wieder forciert oder gebremst werden.

Wie sieht nun dieses hormonell gesteuerte Tagespensum eines Menschen konkret aus? Betrachten wir einmal den Tagesverlauf eines Frühaufstehers, für den gegen sechs Uhr morgens die Nacht vorbei ist. Zwischen sieben und neun Uhr erhöht sich bei ihm die Aktivität der Keimdrüsen. Es kommt zu einer großzügigen Versorgung des Körpers mit Sexualhormonen. Entgegen der Botschaft vieler einschlägiger Filme macht Sex deswegen den meisten Menschen morgens mehr Spaß als abends.

Zwischen zehn und zwölf Uhr erreicht dann die Gehirnaktivität einen Leistungsgipfel. Das Kurzzeitgedächtnis und das Erfassen logischer Zusammenhänge funktioniert jetzt optimal. Ein Maximum an Wachheit, Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen wird gegen zwölf Uhr mittags erreicht.

Danach geht es erst einmal abwärts. Zwischen 13 und 14 Uhr kommt ein Leistungstief - das von vielen gefürchtete Mittagsloch. Die Leistungsfähigkeit nimmt in dieser Zeit ungefähr um 20 Prozent ab. Der Leistungsabfall setzt auch bei demjenigen ein, der sich in der Kantine nicht den Magen mit Eisbein und Sauerkraut vollgeschlagen hat.

Wenn das Mittagsloch überwunden ist, folgt zwischen 14 und 18 Uhr wieder ein Leistungsmaximum. Besonders die Muskeln kommen jetzt auf Touren. Diese Zeit ist gut für körperliche Tätigkeiten geeignet. Da ab 16 Uhr auch Herz und Lunge mit voller Leistung arbeiten, sollten sportliche Aktivitäten nach Möglichkeit auf den späten Nachmittag gelegt werden. Auch die Gehirnleistung steigert sich nachmittags wieder. Zwischen 15 und 17 Uhr ist das Langzeitgedächtnis in Hochform. In dieser Zeit bietet sich die beste Gelegenheit, Wissen einzupauken. Beim Erreichen des nächsten Leistungstiefs gegen 17 Uhr sind die meisten froh, wenn sie ihr Tagespensum hinter sich haben.

Soweit die Norm eines Tagesablaufes aus chronobiologischer Sicht. Aber wie verhält es sich bei Leuten, die einige Stunden später oder sogar erst mittags aufstehen? Der Wissenschaftler Stefan Greifenberg erläutert in einem seiner Vorträge über die inneren Rhythmen: "Bei Leuten, die ein oder zwei Stunden später aufstehen, kann ziemlich sicher gesagt werden, dass sich die Hochs und Tiefs im Laufe des Tages einfach um die entsprechende Zeit nach hinten verschieben. Wer noch später aufsteht, riskiert, dass der ganze Rhythmus durcheinandergerät und sich einzelne Phasen zeitlich verzerren oder übersprungen werden. "

Ungünstig für einen konstanten Rhythmus ist nach Greifenbergs Meinung auch ein Wechsel der Aufstehzeiten beispielsweise durch langes Schlafen am Wochenende. Der inneren Uhr wird dabei eine Zeitverschiebung signalisiert, wie sie beispielsweise auch nach Langstreckenflügen auftritt. Das Clock-Gen versucht folgerichtig, einen neuen inneren Rhythmus aufzubauen. Beim Wochenstart am Montagmorgen wird dann der noch gar nicht zu Ende eingependelte Rhythmus schon wieder über den Haufen geworfen. Diese Umstellung bedeutet für den Körper sozusagen eine Fernreise hin und zurück innerhalb von zwei Tagen und kostet viel Energie.

Einen besonderen Tip hat Greifenberg noch für alle, die demnächst zum Zahnarzt müssen. Die sollten sich nach Möglichkeit einen Termin gegen 15 Uhr geben lassen. Dann ist das Schmerzempfinden der Zähne beim Patienten am geringsten und der Zahnarzt hat um diese Zeit eine besonders ruhige Hand.
 

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