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Zeit im Magazin Des Richters kleine Helfer

von Barbara Welsch
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Sie tragen so hübsche Namen. Sie heißen Lucilla, Hermetia, Calliphora oder Piophila. Nur Necrobia und Sarcophaga lassen den Laien erahnen, womit sich die Tierchen vorzugsweise beschäftigen: Fleisch in jeder Form. Käfer und Fliegen leisten ihren Beitrag zum Umweltschutz indem sie Aas vertilgen. Ob die Leiche menschlich oder tierisch ist, ist den Insekten völlig gleichgültig. Während die Käfer auch im ausgewachsenen Zustand im Fleische schwelgen, nutzen die Fliegen das Aas als Futter für ihren Nachwuchs und legen ihre Eier auf dem Kadaver mitten ins Schlaraffenland. 
Nun sollen die aasfressenden Insekten der Wahrheitsfindung dienen. Besonders wertvoll erweisen sie sich bei der Bestimmung des Todeszeitpunktes eines Mordopfers. Je enger die Todeszeit eingegrenzt ist, desto effektiver die Suche nach dem Täter. Gerade wenn eine Leiche schon länger liegt und deutlich angefault ist, stoßen die Gerichtsmediziner mit ihren herkömmlichen Methoden schnell an ihre Grenzen. Die forensische Entomologie, die rechtsmedizinische Insektenkunde, eröffnet neue Möglichkeiten.

Die Biologen Mark Bennecke und Bernd Seifert trugen im April 1998 das erste gerichtliche Gliedertiergutachten in Deutschland in einem Prozess vor. Die Staatsanwaltschaft warf Klaus Geyer, einem evangelischen Pastor, vor, seine Frau Veronika erschlagen zu haben. Das Opfer war am 28.Juli 1997 in einem Waldstück bei Braunschweig gefunden worden. Die Ermittler nahmen an, dass der Täter die Frau drei Tage zuvor getötet hatte. Das Gutachten der Entomologen sollte diesen Tötungszeitpunkt bestätigen, da Pastor Geyer für die darauffolgenden Tage Alibis vorweisen konnte. Ausserdem sollte dem Tatverdächtigen nachgewiesen werden, dass er sich am Fundort der Leiche aufgehalten hatte. 

Zunutze macht sich die forensische Entomologie, dass es hauptsächlich die Larven der Insekten sind, die sich an dem Leichnam laben. Da sich die Larven nur minimal von dem Ort der Eiablage entfernen können, geht man davon aus, dass der Kadaver vor dem Ei da war.
Abhängig vom Wetter benötigt die Entwicklung vom Ei über die Larvenstadien und die Verpuppung zum fertigen Insekt einen konstanten Zeitraum. Bei normalem Sommerwetter kriecht beispielsweise die Soldatenfliege, Hermetia, genau 52 Tage nach der Eiablage aus dem Tönnchen, dem Ort, an dem sie die Metamorphose von der wurmähnlichen Larve zur Fliege vollführt.

Aber noch ein anderer Faktor muß berücksichtigt werden: der Geschmack der kleinen Feinschmecker. Acht Besiedlungswellen unterscheidet der forensische Entomologe. Zu den ersten Gästen an der Tafel gehören Lucilla, die Goldfliege, Calliphora, die Schmeissfliege und Sarcophaga, die Fleischfliege. Für die Soldatenfliege ist der Leichnam erst nach etwa 20 Tagen richtig lecker. Piophila, die Käsefliege, mag es breiig und stellt sich nach drei bis sechs Monaten ein. Necrobia, der Schinkenkäfer, liebt trockenes Fett und siedelt sehr spät. Archäologen haben ihn sogar an ägyptischen Mumien knabbern sehen.
Um den Todeszeitpunkt zu bestimmen, sammelt der Entomologe die größten Larven ab. Einen Teil der Tiere legt er in Alkohol ein, um sie später unter dem Mikroskop zu untersuchen, den anderen Teil zieht er auf. Schlüpft das fertige Insekt im Labor, rechnet der Insektenkundige zurück: fester Zeitraum für die Entwicklung plus dem ersten möglichen Zeitpunkt der Eiablage minus der Aufzuchtzeit im Labor ist gleich minimale Leichenliegezeit. 

Im Fall des Pastor Geyer konnte Bennecke den genauen Tötungszeitpunkt allerdings nicht feststellen. Bei der Spurensicherung hatte es der damals zuständige Gerichtsmediziner versäumt die größte Made zu konservieren. Er beschränkte sich darauf sie zu beschreiben, so dass Bennecke ihr Entwicklungsstadium nur schätzen konnte. 
Aber der Pastor stolperte über ein anderes Insekt. Die Ameise Lasius fuliginosus, die an Geyers Gummistiefel klebte, bewies, dass der Pastor am Leichenfundort gewesen sein mußte: das Nest der Ameise war nur wenige Meter von der Leiche entfernt und die Vertreter dieser Art bewegen sich höchstens 25 Meter von ihrem Bau fort.

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