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Zeit im Magazin Lebenslänglich

Margot und Johannes Herrmann sind seit 65 Jahren ein Paar.

Von Daniela Berner
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"Kennengelernt haben wir uns in Leipzig, 1934 im Turnverein“. So fängt die Lebens- und Liebesgeschichte an, von zweien, die auch nach 50 Jahren Ehe glücklich verheiratet sind. Johannes Herrmann, damals 15 und einziger Junge von acht Geschwistern, holt seine Schwestern vom Turnverein ab. Auch die zwölfjährige Margot aus der Nachbarschaft turnt dort. So laufen sich die beiden öfter mal über den Weg. Aber dabei bleibt es nicht. Johannes putzt immer wieder Margots Fahrrad. Wollte er ihr damit den Hof machen? "Wahrscheinlich“, meint sie. "Man kann es so auslegen“, sagt er und lacht verschmitzt.

"Eigentlich wollte ich 1942 nur ein Jahr in Berlin bleiben“, sagt Margot. Sie hatte den Sprung von Leipzig gewagt, lebt bei einer Kreuzberger Tante. "Zuhause hatte ich keine Verpflichtungen mehr, meine Geschwister waren alle versorgt, obwohl meine Mutter sehr jung gestorben war“, erzählt Margot traurig. In Berlin werden Telegraphistinnen gesucht, zunächst nur für ein Jahr. Sie bewirbt sich, bekommt den Job im Haupttelegraphenamt. Sie lacht: "Heute bin ich immer noch hier.“ Kurze Besuche beim Fronturlaub und die Feldpost halten die Verbindung, aber "Im Krieg wollte ich nicht heiraten, weil ich nicht wußte, ob Johannes wiederkommt.“ Dabei lächelt er schüchtern zu ihr herüber. Keine Spuren von Verbitterung oder Resignation zeichnen sich in dem Gesicht des achtzigjährigen Johannes Herrmann ab. Und Johannes? Er lässt ihr gerne den Vortritt, wenn es ums Erzählen geht.

Und dann vier Jahre in russischer Gefangenschaft. Nur einmal im Monat konnten die Gefangenen eine Postkarte schreiben "da durften nicht mehr als 25 Worte drauf stehen“. Nach der Gefangenschaft, kommt Johannes nach Berlin zu Margot. Als sie ihn "ganz dünne und ohne Haare“ auf der Couch liegen sieht, erkennt sie ihn kaum wieder. Die Haare waren abrasiert wegen Läusebefall“. "Heute, ist er ja wieder ohne Haare, aber damals hatte er eigentlich noch welche“, sagt Margot.

"Bei unserer Hochzeit 1949 haben wir mit Stube und Küche angefangen“. Johannes Herrmann ist damals seiner Zeit weit voraus. Denn als 1951 die einzige Tochter geboren wird und Margot nach drei Monaten wieder arbeiten geht, packt er mit an. "Er ist da rein gewachsen, hat die Kleine gebadet und alles“, sagt Margot zufrieden. "Auch den Haushalt haben wir uns geteilt, ohne zu streiten. Wir haben ja beide ganztags im Schichtdienst gearbeitet“. Geld- und Finanzfragen regelt sie: "Sein Taschengeld hat er immer gehabt, bis heute ist das so“. "Ich kann nicht klagen“, stimmt Johannes zu. 

?Die Zeit rennt“, sagt Margot, ?besonders seit wir beide 1982 gleichzeitig Rentner wurden.“ Ihre große Leidenschaft, ?damit man auf Draht bleibt“, ist Reisen. Sie waren in Amerika, aber auch in Norwegen und Sankt Petersburg. ?Und wir haben noch so viel vor“. Dieses Jahr war Hawaii geplant, stattdessen waren sie ?nur“ drei Wochen auf Mauritius. Wenn die Gesundheit mitspielt, werden beide noch viel verreisen. Bis dahin hält Margot sich mit Gymnastik und Englischkursen fit. Er löst lieber Rätsel. Auch ihre gemeinsamen Kegelabende sind aus ihrem Leben nicht wegzudenken. ?Wir haben uns nie richtig gestritten, immer nur Kleinigkeiten. Das Streiten lieben wir nicht.“ Geheimrezepte für Harmonie über einen solch langen Zeitraum gibt es nicht. Gegenseitige Rücksichtnahme ist wichtig, Verrücktheiten sollte man ignorieren. Margot meint, dass beide schon vor der Ehe sonnige Gemüter hatten. Schon ihre Familie war ?arm aber glücklich“. Dass sie schon über 50 Jahre verheiratet sind, kann Margot oft selbst nicht glauben.

?Ich hab nichts vermisst die ganzen Jahre, mir ist es gut gegangen“, sagt Johannes. Beide sind eher für ein Zusammenleben mit Trauschein. Warum? ?Weil einer für den anderen da ist, der Trauschein bindet, sonst haut vielleicht doch einer ab“, meint er. Also würde er sie und sie ihn heute nochmal heiraten? ?Ja“, sagt sie und er: ?Wahrscheinlich, ich bin ja ganz gut damit gefahren“.

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