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Zeit im Magazin Der Takt des Lebens

von Denise Gücker
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Haben Sie einen Augenblick Zeit? Solange es dauert eine Heuschrecke zu braten?
Auf Madagaskar fallen die Zeitangaben mitunter etwas bildreicher aus als hierzulande. An vielen Orten der Welt wird die Zeit auch heute nicht auf die Uhr bezogen, sondern auf alltägliche Erfahrungen. Zeit ist eine Erfindung des Menschen. Wie in einer durchsichtig wogenden Masse bewegt sich jede Kultur in ihrem eigenen Zeitverständnis. Und die verschiedenen Rhythmen pulsieren nebeneinander und gleichzeitig auf dem Erdball. Gelegentlich prallen sie auch zusammen. Der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine reiste um die Welt, um unterschiedlichen Auffassungen von Zeit nachzuspüren.

Kuh-Zeit
Im zentralafrikanischen Burundi werden Verabredungen zuweilen nach der `Kuh-Zeit‘ getroffen. Die Einteilung des Tages richtet sich nach dem Viehtrieb. Man trifft sich, wenn die Kühe zum Fluss trinken gehen (mittags) oder wenn die jungen Kühe hinausgehen (nachmittags). Das kann eine Stunde früher oder später sein. Wozu eine genaue Uhrzeit vereinbaren? Schließlich kann es sein, dass die Kühe dann noch nicht satt sind, weil es nicht genug Gras gibt. Die Ereignisse beginnen und enden in der Zeit, die sie erfordern.

Teuflische Zeit
Die Kabyle in Algerien schreiten gemächlich auf ihrem afrikanischen Boden dahin, weil sie jeden Anschein von Eile verachten. Sie betrachten ihn als Mangel an Anstand, der gepaart ist mit teuflischem Streben. Uhren sind für sie die Mühlen des Teufels.
Auch auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta stehen die Uhren in direktem Kontakt mit dem Teufel. Jeder Kirchturm trägt zwei Uhren. Eine davon zeigt die falsche Uhrzeit an. Ihre Aufgabe ist es den Teufel zu verwirren.

Arbeitszeit
Die Kapauka auf Papua sind davon überzeugt, dass es nicht gut ist an zwei aufeinander folgenden Tagen zu arbeiten. Und auf den Sandwich-Inseln im Pazifischen Ozean arbeitet kein Mann mehr als vier Stunden am Tag. Die Japaner hingegen fürchten die Tage, an denen sie nicht arbeiten dürfen. Sie meiden ihren Urlaub und am Wochenende befällt manche die ´Sonntagskrankheit‘. Dabei können psychosomatische Beschwerden den gesunden Arbeiter von Samstag bis Sonntag ans Bett fesseln. Die japanische Arbeitssucht führt mitunter zum ´karôshi‘, dem Tod durch Überarbeiten.

Mañana-Zeit
In Mexiko unterscheiden die Menschen zwischen der ´hora inglesa‘ und ´hora mexicana‘. Nach mexikanischer Uhr erwartet man in jedem Fall, dass die Leute zu spät kommen. Überpünktliche Gäste, die sich nach der englischen Uhrzeit richten, müssen sich darauf gefasst machen, dass sie gefragt werden: ?Llegaste a barrer? - Bist du zum Putzen gekommen?‘
In Brasilien werden pünktliche Menschen für erfolglos gehalten. Zuspätkommen heißt stärker begehrt zu sein. Deshalb werden die Unpünktlichen höher geschätzt und auch als entspannter und fröhlicher wahrgenommen.
In den lateinamerikanischen ´mañana-Kulturen‘ besteht die Kunst darin, eine Verabredung richtig zu interpretieren. Sie kann später gemeint sein, ´mañana‘ (morgen) oder auch überhaupt nicht.

Zwischenzeit
In einigen Kulturen ist es eine hoch geschätzte Fähigkeit, die Zeit zu dehnen. Dazusitzen, zu schweigen und nichts zu tun. Du kannst die Zeit essen, indem du im Augenblick lebst, lehrt Maha Ghosananda aus Kambodscha. Und selbst im schnellen Japan wird dem Zwischenraum, der voll von Nichts ist, viel Beachtung geschenkt. Die richtige Deutung des Nichtgesagten, eines Moments der Stille, kann für die Verständigung ausschlaggebend sein.
Im alten China diente die Verzögerung als Schöpferin des rechten Augenblicks. Warten bedeutet reifen. Und eine Verkürzung dieser Reifephase wäre so unsinnig wie ein Sparen an den Fundamenten eines Gebäudes.

Zeitzyklen
Die birmesischen Mönche, wissen, dass es morgens Zeit ist aufzustehen, wenn es hell genug ist, dass man die Adern auf der Haut erkennt. Während sich die Geistlichen in Birma am Lauf der Sonne orientieren, sind für die Menschen des jüdischen Kulturkreises die Phasen des Mondes bedeutsamer. Wenn Sie den Halbmond am Himmel erblicken, können sie sicher sein, dass der fünfzehnte des Monats ist.
In der jüdischen Kultur fängt der neue Tag mit der Abenddämmerung an, bei uns beginnt er um Punkt zwölf Uhr nachts und für den Japaner ist der Sonnenaufgang entscheidend.

Weltzeit
Für den modernen Weltzeitbürger fließt die Zeit außerhalb seiner selbst in einer monotonen Abfolge von Jetztmomenten. Eine gewaltige Uhr zählt jede Sekunde und treibt die Menschen im Gleichmaß an. Die Zeit hat sich verselbständigt.
In Nordamerika, wo die Menschen uns oft einen Schritt voraus sind, diagnostizierten die Psychologen Ulmer und Schwartzburd bereits die ´Eilkrankheit‘. Sie äußert sich unter anderem in dem Zwang, sich ständig zu hetzen, in rasenden Gedanken, der intensiven Konzentration auf Zahlen, Schlaflosigkeit und in der Unfähigkeit zu angenehmen Erinnerungen.

Der Umgang mit der Zeit spiegelt die kulturellen Werte einer Gesellschaft wider. Im zugigen Kanal unserer Zeit rauschen wir dabei gelegentlich an den Nischen fürs Unerwartete vorbei. Wir leben nach Plan.
Historisch betrachtet dauert das Leben nach der Uhrzeit jedoch erst sehr kurz. Die standardisierte Zeiteinteilung nahm 1883 ihren Ursprung in den USA mit der Einführung der ´standard-railway-time‘. 1884 wurde das Gleichmaß der Uhr mit dem Bezugspunkt Greenwich in England weltweit gesellschaftlich festgelegt. Den weitaus größten Zeitraum der Geschichte haben die Menschen jedoch ohne den von der Uhr vorgegebenen Takt gelebt. Viel häufiger horchten sie auf den Schlag der eigenen Trommel, wie Levine es nennt. Und die schlägt nicht immer im Takt der Uhr.
Wie sagen die Chinesen zum Abschied? ´Man man zou! ­ Geh langsam!‘

Buchtip:
Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Piper Verlag, München 1998.

Drei Sekunden vor der Zukunft

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Zeitlos im Floating Tank

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Zeit zum Sterben