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Zeit im Magazin Oblomowerei
Oder: Warum man lieber im Bett bleiben sollte

von Eckart Granitza
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"Unter der Maske der allseitigen Geschäftigkeit verbergen sich Leere und Mangel an Sympathie für Alles", konstatiert Oblomow, als er von einem Bekannten durch das Leben der besseren Petersburger Gesellschaft geführt wird. Was für ein Ausruf in einer Zeit hektischer Betriebsamkeit und rastloser Suche nach einem, wie auch immer gearteten kurzen Glück! Oblomow ist Romanheld des gleichnamigen Werkes von Iwan Gontscharow. Obwohl vor 150 Jahren, im von finanziellen und gesellschaftlichen Krisen geschüttelten zaristischen Russland geschrieben, scheint Oblomows Ausruf aktueller denn je. Sicherlich mutet es, angesichts der gegenwärtigen politischen Appelle zu Initiative und Innovation, eigentümlich an, ein Buch zu zitieren, dessen Kernaussage im Streben nach Ruhe und Tatenlosigkeit liegt. Aber ist es nicht genauso eigentümlich das Tun um des Tuens willen zu idealisieren? Und wagt überhaupt noch einer die schlichte Frage: Was denn eigentlich wäre, wenn die Hälfte aller Dinge eben nicht getan worden wäre? 
Der russische Gutsbesitzer Ilja Iljitsch Oblomow ist Meister eben dieses Unterlassens. Sein Lebensmittelpunkt ist Schlafkammer und Bett der Petersburger Wohnung. "Das Herumliegen war für Ilja Iljitsch weder eine Notwendigkeit, wie für einen Kranken oder einen Menschen der schlafen möchte, noch ein Genuss, wie für einen Faulpelz: es war sein normaler Zustand", schreibt Gontscharow. Im ersten Teil des Romans berichtet er ausschließlich über Zaudern und Zögern seines Helden am 1. Mai 1843 aus dem Bett zu steigen. Sieben Freunde und Bekannte erscheinen im Laufe dieses Vormittages in seinem Schlafgemach und versuchen, ihn zum Verlassen seiner Wohnung zu bewegen. Es sind Karrieristen, Gecken und Betrüger, aber auch ein Autor und ein Doktor. Allesamt verkörpern sie jene weltlichen (westlichen?) Versuchungen und Schwächen, die auch für die sieben Todsünden stehen könnten. Allein der träge, immer müde Oblomow widersteht ihnen allen und zieht dem Spaziergang einen ausgedehnten Mittagsschlaf vor. 

Trotz ausdrücklichen Befehls vermag es sein Diener Sachar zunächst nicht, ihn am folgenden Nachmittag zu wecken. Noch im Halbschlaf debattiert Oblomow mit seinem Diener über Sinn und Unsinn des Erwachens, bis der geschäftstüchtige Unternehmer und Freund Oblomows, Andrej Stolz, das Schlafgemach betritt. Die Gegensätzlichkeit der beiden Freunde bestimmt von nun an den Roman. 

Die Figur des tatkräftigen und erfolgreichen Stolz wird in fast allen der zahlreichen Deutungen und Interpretationen des Buches als Ausdruck des gesellschaftspolitischen Ideals Gontscharows gewertet. Er ist gewissermaßen der Gegenpol zur dekadenten, im Untergang befindlichen russischen Feudalgesellschaft und der in ihr wuchernden Krankheit des Nichtstuns - der 'Oblomowerei'.
Warum aber ist der Schöpfer Oblomows seinem Helden so grenzenlos zugetan? Wiederholt betont er seine edle Gesinnung, sein gutes Herz und seine lautere Seele. Liest man den Roman aus dieser Perspektive, ergibt sich eine völlig neue Dimension des vielschichtigen Werkes. Ebenso wie Goethes Faust bezieht die Geschichte ihre Spannung aus der Opposition zwischen Sein und Werden, dargestellt durch die beiden Protagonisten. Während Goethe das Werden als göttliche, schaffende Kraft pries und das Sein in "dem Geist der stets verneint" als Verharren an einer Stelle und als teuflisch verurteilt, polemisiert Gontscharow das von Goethe verherrlichte "tätige Leben" im Faust. Der letztlich sinnlosen Betriebsamkeit der zeitgenössischen Welt stellt er - halb ernst, halb liebevoll ironisch - das Ideal von innerer Ruhe und Tatenlosigkeit entgegen. "Streben wir nicht letztlich alle danach wovon ich träume...ist denn das Ziel eures Getriebes, der Leidenschaften, der Kriege, des Handels, der Politik ­ ist es nicht ein Streben nach Ruhe, nach dem verlorenen Paradies?", fragt Oblomow.
Wer stellt noch solche Fragen? Wo zwischen Freizeitpark und Funsport sind die Oblomows geblieben? Bei all den wichtigen Events und Eventchen: Wer kann heutzutage schon seine Tage auf dem Sofa verträumen und ist dennoch zufrieden? Bei all dem Schneller, Höher, Weiter: Wer ist dem Leben im Liegen noch gewachsen? Bei all dem aufgeregten Aufarbeiten des Vergangenen: Wer weiß, was alles verhindert worden wäre - mit mehr Oblomows auf dieser Welt?

Tipp: Zwischen Samowar, Ikonen und Kirchenbänken kann man, in Berlins Mitte, Zinnowitzerstr. 3-7, im Theater "Fürst Oblomow", einen Hauch vom trägen Charme des russischen Dauerliegers erhaschen. 

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