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Zeit im Magazin Drei Sekunden vor der Zukunft

Auch wenn die Neuronen in unserem Kopf im Takt pulsieren, 
erleben wir dies als kontinuierlichen Zeitfluß

von Kristian Rusch
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“Ich habe das Empfinden als wäre ich ein kleines Schiff ohne Steuermann, und das Schiff führe rasch mit der Strömung in unbekannte Fernen”. Mit diesem Satz beschreibt der manisch-depressive Maler Edward Munch (1838-1944), eindrucksvoll sein Zeiterleben. Im Verlaufe einer Depression wird Zeit quälend langsam empfunden. In den manischen Phasen dieser Krankheit startet dagegen im Kopf ein regelrechtes Formel-Eins-Rennen. Der Tag vergeht im Zeitraffertempo, ohne Boxenstopp. Auch “Gesunde” erleben Zeit nicht immer gleich und in anderen Kulturen wird sie ebenfalls unterschiedlich wahrgenommen. So ist in Madagaskar ein kurzer Augenblick solange wie man eine Heuschrecke brät, während man in England vom “pissing while” spricht. Und im Zen-Buddhismus fließt die Zeit, entgegen westlicher Vorstellung, von der Gegenwart in die Gegenwart.

Trotzdem suchen Hirnforscher, wie Ernst Pöppel von der Universität Jülich, nach einer Art inneren Uhr. Bei seiner Suche nach diesem Taktgeber hat der Münchner Forscher zuerst einmal Versuchspersonen optischen, akustischen und Berührungsreizen ausgesetzt und deren Reaktionszeiten gemessen. Dabei stellte sich heraus, daß der Sehsinn mit 20 bis 30 Millisekunden Reaktionszeit die Schnecke unter den Sensorien ist. Flinker ist der Tastsinn, der zehn Millisekunden benötigt und am schnellsten funktioniert der Hörsinn. Schon Klickgeräusche, die zwei Millisekunden auseinander liegen, wurden getrennt wahrgenommen. 

Was wir hören, sehen oder fühlen trifft also nicht gleichzeitig im Hirn ein, obwohl die einzelnen Signale vielleicht zur selben Zeit ausgesandt werden. Nur bei einem Abstand von zehn Metern haben wir einen “Horizont der Gleichzeitigkeit” sagt Pöppel. Nur dann gelangen optische und akustische Signale synchron ins Hirn. Aber sobald sich der Abstand und damit die Laufzeit der Signale ändert, muß die Ordnung im Hirn durch einen besonderen Mechanismus wiederhergestellt werden. Um das zu erreichen steigt das Gehirn aus der Kontinuität der Zeit aus und bedient sich neuronaler Intervalle. Mit deren Hilfe wird das zeitliche Chaos für unsere etwa 1,3 Kilo schwere, graue Masse Hirn vorsortiert. In diesen 30 Millisekunden währenden Perioden wird die Anarchie im Kopf gebündelt und die multimediale Ungleichzeitigkeit synchronisiert. Das Gehirn schnürt alle 30 Millisekunden ein Paket und sendet es dem Bewußtsein mit dem Absender “Jetzt”. Nebeneffekt dabei ist, daß in diesem Zeitraum das Vor- und Nachher ausgelöscht wird.

Keine unserer fünf Sinne ermöglicht es Zeit abzuschätzen. Begeben wir uns in einen hermetisch abgeschlossenen Raum, verlieren wir schnell jeden Zeitbezug. Seit Einstein wissen wir zwar, daß Zeit als kontinuierliches Fließen, wie es einst Isaac Newton propagierte, nicht existiert. Doch nun gaukeln uns auch noch unsere Neuronen, ähnlich einem Stroboskop in der Disko eine Realität in Fetzen vor. Die Zeit tanzt im Kopf, wie Springbohnen auf einem Teller! Und damit nicht genug. Laut Pöppel verbinden sich die 30 Millisekunden Feuerwerke in einer Art Reihenschaltung zu Ketten von drei Sekunden Momenten, zu den Augenblicken, die wir dann als Gegenwart erleben. Auch dies hat Pöppel in Experimenten nachweisen können. So wechselten Probanden beim Betrachten eines Gegenstandes im Rhythmus von drei Sekunden den Blickpunkt. Und sowohl in der Dichtkunst aller Sprachen, als auch in der Musik, stets folgen die Verse dem Drei-Sekunden-Takt. 

Auch die bayerische Verhaltensforscherin Margaret Schleidt ist dem Drei-Sekunden-Fänomen auf der Spur. Bei der Sichtung von Filmmaterial des Max-Planck-Instituts bemerkte die Ethnologin in allen Aufzeichnungen immer den gleichen Takt. Ein Händeschütteln oder ein zorniges Aufstampfen mit dem Fuß dauerten in allen Kulturkreisen immer etwa diese drei magischen Sekunden. Gegenwart - offensichtlich sind das drei Sekunden vor der Zukunft. Doch sobald wir beginnen darüber nachzudenken, verfließen sie schon wieder in der Vergangenheit. Ob im japanischen Sushi-Lokal oder beim San-Volk in der Kalahariwüste. Ob auf dem Karneval in Rio oder in Köln. Mögen Rhythmen und Zeitempfinden in den Kulturkreisen noch so unterschiedlich sein. Im Gehirn dauert die Rumba stets drei Sekunden. 

         abstracts

          Artikel

Drei Sekunden vor der Zukunft

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