| Zeit
im Magazin |
Wenn
Tokio Berlin überholt
Die Künstler
Nina Fischer und Maron el Sani entwarfen die Weltzeituhr "millenniumania“
Von Melanie Thamm
mailto:author
Berlin: 12 Uhr. Passanten
schlendern gemütlich über den Alex in Richtung Kaufhaus, oder
hetzen mit großen Schritten zum Bahnhof, um den Zug noch rechtzeitig
zu erwischen.
Ortswechsel. Tokio:
20 Uhr. In der japanischen Metropole herrscht emsige Betriebsamkeit. Einige
Tokioter gehen zur Spätschicht, andere in die nächste Sushi-Bar.
Beide Szenen spielen
simultan aber nicht zeitgleich, denn zwischen Tokio und Berlin erstrecken
sich zehn Zeitzonen. Aber das ist nicht der einzige Unterschied. Jede Stadt
hat ihre eigene Geschwindigkeit. Wo gehen die Fußgänger im Durchschnitt
schneller? In Berlin, Tokio oder in New York? Welches ist die schnellste
Stadt der Welt? Gibt es ein subjektives Zeitempfinden?
Die Berliner Künstler
Nina Fischer und Maroan el Sani gehen diesen Fragen in ihrem Projekt "millenniumania“
nach. Das Duo hat eine aufwendige Installation geplant und zunächst
einmal auf Video simuliert. Ausgewählt wurde in jeder der 24 Weltzeitzonen
ein bestimmter Ort, an dem eine Videokamera installiert werden soll, um
die Fußgänger zu filmen. Über das Internet gelangen diese
Aufnahmen zu einem zentralen Computer , der die durchschnittliche Geh-Geschwindigkeit
berechnet. Die Live-Videos der Fußgänger werden auf einen zylindrischen
Bildschirm, der einen Durchmesser von acht Metern haben soll, übertragen.
Die Installation
kann von dem Betrachter durch eine Öffnung im Schirm betreten werden.
Die Bilder rotieren auf der Projektionsfläche in der gleichen Geschwindigkeit,
wie die Fußgänger in den Weltzeitzonen laufen. Jedes Bild steht
für sich und kann sich individuell bewegen. Wenn beispielsweise die
Londoner Fußgänger auf Vormarsch sind, überholt ihr Bild
das der New Yorker.
Maroan el Sani und
Nina Fischer verstehen ihre Installation als globale Fußgängergeschwindigkeit-Weltzeituhr.
Der Name "millenniumania“ lässt eine gewisse Ironie und einen spielerischen
Umgang mit dem strapazierten Thema Jahrtausendwechsel vermuten. Auch für
den Übergang in das nächste Jahrtausend sind die Weltzeitzonen
nicht ohne Bedeutung. Wer auf den Fitschi-Inseln feierte, erlebte weltweit
als Erster Sylvester. Oder wer die Datumsgrenze in östliche Richtung
überflog, konnte das Ereignis gleich mehrfach erleben.
Mit "millenniumania“
verschwimmen die international festgelegten Meridiane. Bislang existiert
die Installation nur auf Video, wird sie aber realisiert, so kann der Betrachter
den weltweitenWettlauf der Zeitzonen verfolgen. Am Ende wird sich herausstellen,
wer die schnellsten Fußgänger der Welt hat. Tokio, Berlin oder
vielleicht Honolulu?
Für das Projekt
"milleniumania“ wurden Nina Fischer und Maroan el Sani mit dem Karl-Hofer-Preis
1998 der Hochschule der Künste Berlin ausgezeichnet.
Nina Fischer wurde
1965 in Emden geboren und lebt heute in Berlin. Sie studierte Visuelle
Kommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin und an der Rietveld-Akademie
in Amsterdam.
Maroan el Sani, 1966
in Duisburg geboren, lebt in Berlin und studierte Kommunikationswissenschaften
und Film an der FU Berlin.
Seit 1993 arbeiten
beide als Künstlerteam unter dem Namen "artists for tomorrow“ im Bereich
Film und neue Medien zusammen. |
|
|