| Zeit
im Magazin |
2001
- Odyssee im Stadtraum
Auf der Suche nach
der gewonnenen Zeit
von Nicole Allé
mailto:author
“There is no question
there is an unseen world; the question is, how far is it from midtown,
and how late is it open?” Woody Allen über Manhattan
Wir verzichten auf
das Frühstück, um den Bus zu erwischen, der dann doch zu spät
kommt. Wir opfern unsere Mittagspause für einen Arzttermin und schmoren
anschließend stundenlang über dämlichen Zeitschriften im
Wartezimmer.
Wir eilen um zu warten
- auf Aufzüge, auf den Kellner, an Theaterkassen, am Fahrkartenschalter,
in fensterlosen Behördenfluren. Wir lesen stundenlang Gebrauchsanweisungen
und Fachbücher um unsere elektronischen Zeitsparmaschinen zeiteffektiver
bedienen zu können.
Wir haben heute weniger
Zeit als je zuvor. Dabei war es das große Versprechen der modernen
Stadt, Zeit zu gewinnen. Wo also bleibt die Zeit?
Die modernen Verkehrssysteme
versprechen zwar Zeitgewinn, bringen statt dessen aber nur Raumgewinn.
Nach wie vor verbringt der Stadtmensch zwischen Wohnort und Arbeitsort
seine zweimal dreißig Minuten - nur ist er jetzt mit den nötigen
technischen Prothesen ausgestattet. Damit hat er lediglich an Distanz gewonnen
- Raum, der überwunden werden muss.
Zeit aus den Fugen
Der städtische
Transport drückt den Städten auch im globalen Maßstab sein
Gesetz auf. Netze von Hochgeschwindigkeitszügen, Autobahnen und Flughäfen
überlagern sich in den Knotenpunkten mit einem Raster urbaner Aktivitätszentren.
Eine hierarchisierte Raumgestaltung formiert sich. Bewegung ist das Schlagwort:
je mehr Durchgang, desto größer der Reichtum.
Wenn eine Stadt wächst,
wird das Leben darin hektischer und ein wirtschaftlicher Umgang mit der
Zeit wichtiger. Historisch gesehen ist die Industrielle Revolution das
einschneidendste Ereignis in Bezug auf die Temposteigerung der westlichen
Städte.
Die Erfindung des
elektrischen Lichts hat die Nacht erleuchtet, Freizeitindustrie und Telebanking
den Sonntag säkularisiert. Wir tun alles möglichst rasch zur
gleichen Zeit. Der Mensch wird zum Nomaden zwischen unterschiedlichen Zeitmustern.
Wir leben nicht mehr in einer, sondern in vielen Zeiten.
Eine globalisierte
Ökonomie verändert die Bedingungen des Arbeitslebens radikal.
Das fordert mehr Flexibilität, die wir nur entwickeln können,
wenn die Zeitrhythmen des Alltagslebens das ermöglichen.
Wie muss die moderne
Stadt gestaltet sein, damit sie zu verschiedenen Zeitrhythmen passt, oder
- was hat der Single-Yuppie mit der alleinerziehenden Mutter gemeinsam?
Äußere
Zeitgeber strukturieren Regeln, die das persönliche Leben der Stadt
ordnen - und es komplizierter machen. Ladenöffnungszeiten, Verkehrszeiten,
Schulzeiten sind nicht per se ein Thema - sondern nur im Zusammenhang mit
der Gestaltung des eigenen Alltags.
Warum wird die Steigerung
der Lebensqualität mit einer Veränderung der Zeiten der Stadt
identifiziert? Ist es der Wunsch, zu jeder Tages- und Nachtzeit jedem Bedürfnis
frönen zu können?
Das Ergebnis einer
Untersuchung über die Lebensbedingungen von Single-Yuppies in London
bringt es auf den Punkt: Yuppies leben aus Zeitmangel - und weil ihre kaum
vorhandene Freizeit sich nicht mit den Zeiten der Dienstleistungsangebote
deckt - in weitgehend zerschlissener und schmutziger Unterwäsche.
Ähnlich ergeht
es alleinerziehenden Stadtmüttern. Nicht dass sie schmutzige Unterwäsche
tragen - doch gehören sie ebenso zur Gruppe der “zeitärmsten”
Stadtbewohner.
La dolce vita?
Wenn die Stadt soviel
Zeit “frißt”, muß ihre Zeitorganisation verbessert werden,
so die These des italienischen Projekts “Tempi della Città”, das
seit Anfang der 90er Jahre in 80 italienischen Städten läuft.
Ziel ist, alle gesellschaftlich bedeutenden Zeitstrukturen in der Stadt
zu erfassen und den Zeitbedürfnissen der betroffenen Menschen gegenüberzustellen.
Kommunalpolitische Instanzen werden beauftragt, die bestehenden Zeitstrukturen
mit den ermittelten Zeitbedürfnissen zu harmonisieren. Betriebe, Verwaltungen,
Schulen und Dienstleistungsbetriebe haben ihre Öffnungszeiten entzerrt,
die öffentlichen Verkehrsbetriebe sich auf die neuen Verhältnisse
eingestellt. Die Menschen können ihre Besorgungen entspannter erledigen,
der Verkehrsinfarkt bleibt aus. Bürgerbüros erfüllen Zeit-Träume:
an einem Ort kann von der Passverlängerung über den Bauantrag
bis hin zu Theaterkarten alles erledigt werden.
Die neuen Zeitkonzepte
sollen vor allem Frauen durch eine bessere Nutzung von Dienstleistungen
eine stressfreie Vereinbarkeit der Lebensbereiche Familie, Beruf und Freizeit
ermöglichen. Gleichzeitig sollen Männer in den Genuss kommen,
sich an Familien- und Hausarbeit zu beteiligen. Das Geschlechterverhältnis
entpuppt sich so als ein zentraler Punkt in der langfristigen Zeitpolitik.
Das Projekt der “Zeiten
der Stadt” hat sich mittlerweile europaweit unter dem Namen “Eurexcter”
( Excellence territoriale en Europe) ausgedehnt. Mit Excellence territoriale
ist eine lokale Qualitätssteigerung gemeint. Der Stadtbewohner soll
mit seiner Zeitgestaltung souveräner umgehen können, indem Koordinierungsstress
eliminiert wird. Zeitbüros regeln Öffnungszeiten und steuern
den Diskurs zwischen Institutionen und betroffenen Personengruppen. So
finden Gesprächsforen zwischen gesellschaftlichen Akteuren statt,
die sonst kaum kooperieren.
Change your time
and your mind will follow
An einer Ökonomisierung
des Raumes und der Zeit wird die Gesellschaft nicht vorbeikommen. Für
ein “langsamer” ist es zu spät. Erst eine radikale Auflösung
antiquierter Zeitstrukturen ermöglicht es, individuelle Zeitrhythmen
zu entwickeln. “Diese Radikalität fehlt der Diskussion der Zeiten
der Stadt,” sagt Thomas Krämer-Badoni, Professor für Stadtsoziologie
in Bremen. “Wie sie geführt wird schürt sie die Illusion, man
könne die Auflösung des fordistischen Zeitregimes aufhalten.
Ein innovatives Zeitregime setzt aber die Auflösung des fordistischen
Zeitregimes voraus.“
Einer zeitlichen
muß aber auch eine räumliche Demokratisierung folgen.
Die europäische
Stadt ist ein Modell abgestufter Zentralität - wenig demokratisch
und zudem überholt.
Der Urbanisierungstrend
verläuft in zwei Richtungen: er führt zu riesigen urbanen Regionen
mit lokalen Verdichtungen - Kerne des Wohlstands und der Macht in der globalen
Informationsgesellschaft. Die alten städtischen Zentren - sofern sie
nicht zu historischen Freizeitparks ausgebaut werden - nehmen die Masse
der gesellschaftlichen Verlierer auf. Die Städte bluten aus, während
die Speckgürtel um sie herum gedeihen.
Es ist eine Frage
der Zeit, wann sich die zentralen städtischen Funktionen dezentralisieren
werden. Eine wirtschaftliche Grundlage der Innenstädte würde
damit wegbrechen, die kommunale Zeitpolitik ins Leere laufen. Zwei Klassen
von Zeitnomaden könnte es in Zukunft geben: jene, die von ihrem Haus
im Grünen per ISDN durch die Zeiten reisen und die anderen, die in
der alten Stadt zurückbleiben - in der Zeitschleife von Armut und
Langeweile. |
|
|