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Zeit im Magazin Zeit zum Sterben

Die biologische Vielfalt wird von einer einzigen Spezies bedroht - dem homo sapiens. Mit dem Erscheinen des Menschen auf der Weltbühne hat die Zeit des großen Artensterbens begonnen.

von Norbert Spies
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Sterbezeit
Noah hat sie nicht gezählt, die Tiere auf seiner Arche. Deshalb müssen die Forscher heute vom Regenwald bis in die Tiefsee unseren Planeten durchkämmen, um das zu tun, was Noah versäumt hat. Etwa 1.7 Millionen Pflanzen und Tiere sind erfasst, doch Wissenschaftler schätzen, dass zwischen zehn und zwanzig Millionen verschiedene Arten existieren. Doch so atemberaubend hoch, wie die Anzahl der Tiere und Pflanzen, ist die Geschwindigkeit, mit der diese für immer vom Menschen ausgerottet werden. Tatort Regenwald: Die tropischen Regenwälder beherbergen mehr als die Hälfte aller biologischen Arten. Ungeachtet dessen werden schätzungsweise 200.000 Quadratkilometer Waldfläche pro Jahr gerodet. Das bedeutet, dass im Jahr 2050 der Regenwald bis auf einige winzige Reste vernichtet sein wird. Tatort Korallenriff: Korallenriffe sind, wie die Regenwälder, wahre Brutstätten der Evolution. Hier sind die artenreichsten Lebensräume der Meere. Doch die Schädigung der Korallenriffe könnte in den nächsten 50 Jahren zur Vernichtung von 75 Prozent aller Riffe führen. Überfischung, Wasserverschmutzung und die Erwärmung der Ozeane sind die wesentlichen Ursachen. Die Liste der Tatorte ließe sich beliebig lange fortsetzen. "Man kann davon ausgehen, dass heute durchschnittlich drei bis fünf Arten pro Stunde aussterben. Das ergibt etwa 70 bis 120 Arten pro Tag und eine jährliche Aussterbensrate von 25.000 bis 43.000 Spezies“, schreibt der Evolutionsphilosoph Franz M. Wuketetis. Wir leben in einer Zeit, in der das größte Artensterben der Erdgeschichte, unbemerkt von den meisten Zeitgenossen, seinen Lauf nimmt - Sterbezeit

Zeitdruck
Käfer, Würmer, Ameisen, Spinnen oder eklige, dicke Kröten, wer braucht so etwas? Die ansehnlichen Tierarten, wie den majestätischen Löwen oder die flinke Gazelle kann man im Zoo halten, da können sie nicht beißen und nicht weglaufen. Und von einem Aussterben der essbaren Exemplare, wie Schweine, Rinder und Hühner ist nichts bekannt. Wozu also die Aufregung? Schon allein "auf der Basis nüchterner, rationaler und ökonomischer Betrachtung erweist sich die Artenvielfalt als unschätzbarer Wert“, schreibt Wuketits. Er meint damit die schier unendlichen Ressourcen der Natur. Kröten, die dem Penicillin ähnliche Sekrete absondern, ein Tiefseeschwamm aus dem sich Mittel zur Bekämpfung von Krebs gewinnen lassen, das Gift einer Schnecke zur Schmerzbekämpfung sind nur einige Beispiele. Wie viele Arten es gibt, wie viele neue chemische Substanzen sie enthalten und welche Bedeutung diese für wissenschaftliche und medizinische Zwecke haben, ist unbekannt. "Es gleicht einer Bibliothek ungelesener Bücher, in der wir das erste Kapitel aufgeschlagen haben“, sagt der Evolutionstheoretiker Edward O. Wilson, "und die Tragödie ist, dass die meisten Spezies aussterben, noch bevor wir die nächste Seite aufschlagen können“. Die Wissenschaftler stehen unter Druck ­ Zeitdruck.

Normalzeit
Als vor mehr als 500 Millionen Jahren, im Erdzeitalter des Kambrium, die explosionsartige Besiedlung aller erdenklichen Lebensräume auf der Erde begann, startet gleichzeitig der Überlebenskampf der Arten. Mit Klauen, Reißzähnen, Stacheln, Scheren, Giftdrüsen und absoluter Rücksichtslosigkeit kämpfte sich jede Spezies durch die Erdgeschichte. Da wurde gefressen, zertrampelt, erdrosselt und in Stücke gefetzt. "Seit der kambrischen Explosion hat die Evolution 30 Milliarden Arten hervorgebracht“, sagt der Paläoanthropologe Richard Leakey. Über 90 Prozent aller Spezies, die je existiert haben, sind wieder ausgestorben. Die Wissenschaftler gehen heute von fünf großen Massensterben in der Erdgeschichte aus. Das Verschwinden vieler Reptilien, mit den Dinosauriern als ihre populärsten Vertreter, vor 65 Millonen Jahren ist das bekannteste. "Das Zeitalter der Reptilien ging zu Ende, weil es lange genug gedauert hatte und weil es ohnehin ein Fehler war“, deutet der Satiriker Will Cuppy das Geschehen. Geologen haben jedoch festgestellt, dass es wohl ein Meteoriteneinschlag war, der der Herrschaft der Reptilien ein Ende setzte. Natürliche Auslese, Konkurrenzkampf, Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche und Klimaveränderungen, die Liste der Gefahren, die sich gegen Pflanzen- und Tierarten richtet, ist endlos. Der Geologe David Raup hat anhand von Fossilfunden errechnet, dass durch das normale Aussterben, das heißt ohne den Einfluss des Menschen, alle vier Jahre eine Art verloren geht. Das moderne, durch den Homo sapiens verursachte Aussterben verläuft jedoch "tausend- bis zehntausendmal schneller als zu normalen Zeiten der Erdgeschichte“, so Leakey. Sie ist vorbei, die Normalzeit.

Menschenzeit
Lange Zeit gaben Wissenschaftler der Eiszeit die Schuld am weltweiten Aussterben vieler Großtiere. Doch inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass Mammut, Höhlenbär und Mastodon nicht dem Klimawechsel, sondern den steinzeitlichen Jägern zum Opfer gefallen sind. Der prähistorische Mensch war nicht der primitive Trottel mit der Keule, und schon gar nicht der edle Wilde, der im Einklang mit der Natur lebte. Innerhalb von etwa zwei Millionen Jahren, ein lächerlich kurzer Zeitabschnitt der Erdgeschichte, hatte sich der Mensch zur Exterminator-Spezies entwickelt. Der "prähistorische Overkill“ begann mit der Erfindung von Distanzwaffen wie Speer, Steinschleuder oder Harpune. In zunehmendem Maße wurden Tiere und Pflanzen in brauchbare und unbrauchbare Exemplare unterteilt, der reine Nutzungsaspekt stand im Vordergrund. Alle möglichen Arten wurden rigoros erschlagen, erschossen, ausgerissen, verbrannt oder sonstwie vernichtet. Heute sind etwa "50 Prozent der Flora und Fauna weltweit vom Aussterben bedroht und werden voraussichtlich in den nächsten Hundert Jahren unwiederbringlich von der Erde verschwinden“, sagt der Biologe Stuart Pimm. Die Existenz des Homo sapiens nimmt nur einen winzigen Augenblick in der Geschichte des Lebens ein. In diesem Augenblick hat sich die "Krone der Schöpfung“ die Erde untertan gemacht, und das mit aller Gründlichkeit. Sie ist eine einzige Katastrophe, die Menschenzeit.
 

 

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