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Zeit im Magazin Bruder des Todes 

von Thomas Niemann
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Kleine tellerförmige Silberplättchen verbunden durch feine Drähte werden sorgfältig auf die Kopfhaut gedrückt. Weitere Elektroden befinden sich am Kinn und an den äußeren Augenwinkeln der 29jährigen Sandra, die nur mit einem Pyjama bekleidet, völlig entspannt in einem bequemen Stuhl sitzt. Etwa eine dreiviertel Stunde später befindet sich auch der letzte Stromaufnehmer an seinem vorgesehenen Platz. Nachdem Sandra sich ins Bett gelegt hat, wird jedes Kabel an ihrem Kopf mit einer Schalttafel verbunden. Der Versuchsleiter wünscht ihr eine gute Nacht, löscht das Licht und verlässt den Raum. In der Laborzentrale kontrolliert der Schlafforscher Jan Born ein letztes Mal die Einstellungen und setzt das Registriergerät in Betrieb. Die Aufzeichnung der Schlafzeit von Sandra hat begonnen. 

Seit über 50 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit den Auswirkungen des Schlafes auf unsere Gehirnfunktionen. Erst Ende der 90er Jahre konnte bewiesen werden, dass nachts neue Nervenverbindungen (Synapsen) geknüpft werden und es somit zur Gedächtnisbildung kommt. Der Schlaf - kein passives Herumliegen und Hauptmerkmal eines Faulenzers, sondern aktives Lernen und das Geheimnis unserer Erfolge.

Während der nächtlichen Stunden werden die Ereignisse des Tages den Erfahrungen aus der Vergangenheit gegenübergestellt und die Ergebnisse aus diesem Dialog im Langzeitgedächtnis gespeichert. Nur selten können wir uns am nächsten Morgen an die Erlebnisse während dieser Zeitreise erinnern. Das führte bei vielen Menschen zu dem Trugschluss, der Schlaf sei losgelöst von Raum und Zeit. Die Philosophen der Antike meinten gar, der Schlaf sei Bruder des Todes. Die Anfänge der Naturwissenschaften suchten nach logischeren Erklärungen für die regelmäßig einsetzende `Bewusstlosigkeit´. So sah der Mediziner Paracelsus ihre Ursache in der Nahrungsaufnahme, wodurch Schlafstoffe ins Gehirn transportiert würden. Alexander von Humboldt führte den Schlaf auf arbeitsbedingte Erschöpfung zurück.

Seit Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ist man in der Lage, die im Schlaf auftretenden elektrische Impulse aufzuzeichnen und zu interpretieren. Jede Nacht, die Sandra im Schlaflabor verbringt, liefert sie dem Wissenschaftler eine 300 Meter Papier umfassende Datenflut aus EEG, EOG und EMG - so die Abkürzungen für die aufgezeichneten Gehirnströme (Electroencepherogramm), Augenbewegungen (Electrooculogramm) und Muskelaktivitäten (Electromyogramm). Die Entdeckung der unterschiedlichen Schlafphasen machte es möglich, die Schlafforschung von dem Image des Ungreifbaren und wissenschaftlich Zweifelhaften zu befreien.

Rasche Augenbewegungen kombiniert mit schnellen Hirnströmen sind charakteristische Merkmale für eine Schlafphase, die kurz als REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) bezeichnet wird. Das alleinige Auftreten langsamer Hirnströme mit hoher Intensität beschreibt die zweite bedeutende Schlafphase, den sogenannten Non-Rem-Schlaf. Erhöhte Muskelspannung tritt jeweils zwischen diesen beiden Stadien auf.

Die endgültige wissenschaftliche Anerkennung des REM-Schlafes führte zu Theorien, die das REM-Stadium mit der Aufbereitung von Tagesereignissen in Traumerlebnissen in Verbindung brachten. Zum Leidwesen der Schlafforscher hinterlässt der Traum nichts als eine blasse Erinnerung bei den Testschläfern, obwohl sie jede Nacht ein bis zwei Stunden im traumreichen REM-Schlaf verbringen. Die neuen Erkenntnisse zu den REM-Phasen weckten schnell das Interesse von Psychologen, die sich mit der Aufklärung und Deutung von Traumerlebnissen beschäftigten. Die Möglichkeit anhand von Schlafaufzeichnungen den exakten Zeitraum der traumerfüllten REM-Phase zu definieren, führte innerhalb dieser Disziplin zu entscheidenden Fortschritten. Wertete man früher die Träume des Testschläfers nach dem Erwachen aus, weckte man ihn jetzt bereits während oder kurz nach einer REM-Phase. Daraus ergaben sich innerhalb einer Nacht oft mehrere Traumberichte, die unmittelbar auf die Traumerlebnisse folgten.

Endlich konnten auch die Fragen nach Traumdauer und damit verbundener zeitlichen Wahrnehmung geklärt werden. Die Ansicht, auch ein langer Traum spiele sich innerhalb von Sekundenbruchteilen ab, wurde durch Versuche widerlegt, bei denen Testschläfer zu verschiedenen Zeitpunkten innerhalb einer REM-Schlaf-Episode geweckt wurden. Die Länge der jeweiligen Traumberichte entsprach dabei stets der Dauer des REM-Schlafes bis zu einem Grenzwert von 15 Minuten. Nach längeren Traumzeiten hatte die Versuchsperson zwar das Gefühl, besonders lange geträumt zu haben, konnte aber keine entsprechend umfassenderen Berichte liefern. Offenbar müssen während einer längeren Episode Teile des Traumes aus dem Gedächtnis weichen, um für neu geträumtes Platz zu schaffen.

Die Bedeutung der Non-REM-Phasen, aus denen nur wenige kurze Traumerzählungen bekannt sind, konnten erst Ende 1999 geklärt werden. Die Neurophysiologen Gina Poe und Robert Stickgold fanden heraus, dass es während dieser Phase vermehrt zur Ausschüttung von Acetylcholin kommt. Dieser Neurotransmitter bewirkt, dass die Neuigkeiten des Tages im Langzeitgedächtnis gespeichert werden, indem es zur Bildung neuer Nervenverbindungen kommt. Außerdem werden die Nervenzellen aus dem Kurzzeitgedächtnis, die unter den ständigen Reizeinflüssen des Tages zu leiden hatten, für die Belastungen des folgenden Tages regeneriert.

Der Schlaf: Kein passives Herumliegen , sondern aktives Lernen; ein reger Dialog der Hirnregionen, in dem es zu einer virtuellen Reise durch die Erinnerungen vergangener Tage, Monate oder Jahre kommt.
 

 

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